Einfach nur schön: Am Tag der Arbeit stellt Hervé Jeanne seine neue CD bei einem Konzert unter freiem Himmel vor


Gehrden. „Die Entscheidung, in Hannover zu studieren, war eher zufällig, aber die Bekanntschaften, die ich hier schloss, waren wegweisend für mich.“ Sagt Hervé Jeanne (49), der Luxemburger, der nach seinem Studium an der hannoverschen Musikhochschule (HMTMH) schnell zu einem der gefragtesten Bassisten wurde — nicht nur in der Jazzszene. Nicht nur in Hannover.

Ein Meilenstein seiner Karriere war das Musizieren mit seinem ehemaligen Kommilitonen Roger Cicero, für den Jeanne zwölf Jahre lang das Bassfundament legte. Viele weitere Weltstars schätzen sein melodisches Spiel: Jeanne tritt regelmäßig mit den New York Voices und The Manhattan Transfer auf. Mit dem kürzlich verstorbenen Sänger Bill Ramsey hat er lange Zeit zusammen gearbeitet, mit der sehr lebendigen hannoverschen Lokalgröße Juliano Rossi verbindet ihn ebenfalls eine lange musikalische Freundschaft. Wir haben uns mit ihm über Corona, Frankreich, Freundschaften, sein neues Album, Träume und, natürlich, über Roger Cicero unterhalten. Also praktisch über alles außer Häkeln.


Hervé, können Sie häkeln?

Jeanne: Eher nicht. Warum fragen sie danach?

Ich wollte nur wissen, ob es auch etwas gibt, was Sie nicht können. Am Bass gelten Sie ja als Alleskönner. Blöder Gesprächseinstieg, das gebe ich zu. Vielleicht lieber so: Wie ging es Ihnen während der Corona-Zeit?

Jeanne: Die ersten Monate waren hart. Niemand wusste, wo es hinführt oder wie lange es dauert. Alle meine Buchungen wurden abgesagt. Das war existenziell ziemlich bedrohlich. Aber ich musste nicht häkeln lernen vor lauter Langeweile; irgendwann ging es auch bei mir im Studio weiter. Viele meiner Kunden sind Profi-Musiker oder Musikstudenten, und sie hatten Stipendien oder Fördergelder, die an Projekte gekoppelt sind, und die womöglich verfallen wären, wenn sie nicht irgend etwas Konkretes nachgewiesen hätten, etwa eine Audio- oder Videoproduktion.

Jeanne hat in Gehrden ein Aufnahmestudio der Extraklasse. Auch ein Steinway-Flügel gehört zum Equipment im D Room Recording Studio. Seine Kunden schätzen die familiäre Atmosphäre und Jeannes zurückhaltende, souveräne Art.

Einige Künstler, die hier aufgenommen haben, hängen neben der Kaffeemaschine an der Wand

Mit Roger Cicero waren Sie lange befreundet …

Jeanne: Ja. Ich erinnere mich noch gut an die Anfänge: Lutz, Stephan, Matthias, Roger und ich hatten zwei Konzerte gemeinsam gespielt und kurzerhand beschlossen, das Programm auch aufzunehmen (Die Rede ist von Pianist Lutz Krajenski, Saxophonist Stephan Abel und Schlagzeuger Matthias Meusel, Anm. d. Red). So ist unser allererstes Album entstanden. Wir waren an einem Nachmittag in der Marlene und haben drauflos gespielt. Die Spontaneität der Aktion ist auch im Ergebnis hörbar und macht die CD immer noch zu etwas Besonderem. Das war lange, bevor das mit den deutschen Liedern durch die Decke ging.

Der perfekte Sänger …

Jeanne: Roger hat uns immer wieder mit seiner Energie und seiner Virtuosität umgehauen. Ein Ausnahmesänger, definitiv! Er hat auch polarisiert, er war sicher einigen Zuhörern zu perfekt oder zu technisch. Aber ich gehöre eindeutig zu denen, die seinen Gesang gefeiert haben — und immer noch feiern.

Gerade ist ein Film in die Kinos gekommen, über Roger Cicero und Eugen, seinen Vater. Der Regisseur Kai Wessel, der auch schon das Leben von Hildegard Knef in Szene gesetzt hat, hat einen sehr sensiblen Blick auf Vater und Sohn geworfen — und auf die Verknüpfungen in ihrer beider Künstlerleben.

“Ein Ausnahmesänger, definitiv!” Hervé Jeanne mit dem Filmplakat.

Sehen Sie sich hier den Trailer zu “Zwei Leben, eine Bühne” an:


Rogers Tod war ein Schock

Jeanne: Oh ja. Und für mich auch der Auslöser, Dinge zu überdenken und zu verändern. Ich ging 2018 für ein halbes Jahr nach Pézenas in Südfrankreich. Die französische Lebensart und die Reaktionen auf mein Spiel haben mich dazu inspiriert, eigene Stücke zu schreiben. Da kam ich auch das erste Mal auf die Idee mit dem Album. Und als Mitmusiker habe ich mir Freunde ausgesucht, mit denen ich gefühlt auf einer Wellenlänge liege und mit denen ich noch nicht gearbeitet hatte. Ich fand, das war schon lange mal dran.

Einer dieser Freunde ist der Saxophonist Hans Malte Witte. Die beiden anderen, der Pianist Eike Wulfmeier und Schlagzeuger Stephan Emig, sind die weiteren musikalischen Weggefährten, die zu Jeannes Album-Konzept gepasst haben. Das Ganze läuft unter Hervé Jeannes Namen.

Jeanne: Ich bin eigentlich eine musikalische Schnittstelle zwischen traditionellem und modernem Jazz — es war total spannend, zu viert einen gemeinsamen Nenner zu finden.

Nun liegt dieser gemeinsame Nenner in Form des Albums Stories Of Friendship vor. Vier Einzelteile ergeben ein homogenes Ganzes. Das Album hat eine große Bandbreite: Von relaxten, lyrischen Momenten, souligen und poppigen Anklängen bis hin zu Modern Jazz: Die “Freundschaftsgeschichten” sind Treffpunkt der verschiedensten Facetten des Jazz.

Jeanne hat in seiner Zeit als Profi mit unzähligen Künstlern zusammengearbeitet: Gene „Mighty Flea“ Conners, Ack van Rooyen, Peter Petrel, Bill Ramsey, Sandra Hempel, Eva Mayerhofer, Ken Norris, Gitte Haenning, Stefan Gwildis … die Liste ist lang. Hervé Jeanne war immer “nur” der Bassist.

Hervé Jeanne spielt auf einem Kontrabass
Hervé Jeanne und sein Bass, häufig untrennbar miteinander verbunden

Ungewohnt, dass sie sich als Künstler so weit in den Vordergrund stellen

Jeanne: Für mich auch. Ich hab’ mich lange Zeit total zurück genommen. Ich fühlte mich in Deutschland musikalisch irgendwie nicht richtig angekommen. Erst in Frankreich habe ich gemerkt, dass es auch eine Musikerszene gibt, die genau zu mir passt. Außerdem bin ich in Luxemburg aufgewachsen; kulturell bin ich Franzose, compris? (lacht).

Aha. Es gibt also Unterschiede zwischen französischen Jazzern und deutschen?

Jeanne: Ja, ich finde schon. In Deutschland habe ich das Gefühl, dass sehr viel Wert darauf gelegt wird, dass man als Musiker den Jazz „weiter“ bringt, nach vorne, aber manchmal hätte ich gerne auch etwas, was einfach nur das Herz berührt (lächelt). Ein französischer Pianist sagte mal zu mir: Wenn ich mit dir spiele, klingen meine Akkorde viel schöner. Die französischen Kollegen empfangen meine musikalische Botschaft irgendwie besser (Jeanne runzelt die Stirn, dann lächelt er).

Es ist okay, einfach nur nett zu sein, und es ist okay, wenn Jazz einfach nur schön ist.

Hervé Jeanne

Jeanne: In Deutschland habe ich oft das Gefühl, man muss nach außen hin — nicht nur als Musiker — immer selbstbewusst und stark wirken. In Frankreich war dieser Gedanke plötzlich total weg. Ganz ehrlich: Ich bin ein netter Typ und möchte nicht immer etwas beweisen müssen. In Frankreich habe ich auf einmal gemerkt: Es ist okay, einfach nur nett zu sein, und es ist okay, wenn Jazz einfach nur schön ist.

Trotzdem haben Sie das Album wieder mit deutschen Musikern aufgenommen?

Jeanne: Ja. Ich meine, ich lebe hier, hab’ hier mein Studio. Und Hans, Eike und Stephan sind fantastische Musiker und eben auch gute Freunde.

Er war in Pézenas in Südfrankreich, einem kleinen Ort in der Nähe von Montpellier. Pyrenäen, Atlantik und Mittelmeer sind nicht weit weg. Jetzt ist er in Gehrden vor den Toren Hannovers. Auch mit einem “Mont” vor der Tür: Dem Gehrdener Berg. Und der Maschsee ist nicht weit weg. Jeanne hatte die Wahl.

Und Sie haben sich für Gehrden entschieden?

Jeanne: Wir haben uns in Gehrden mit unserem Haus und dem Tonstudio einen Traum erfüllt, unsere Kinder gehen hier zur Schule und ich bin dankbar, als Musiker in und um Hannover gefragt zu sein. Aber es vergeht kaum ein Tag, an dem meine Frau und ich nicht über Frankreich sprechen und die Sehnsucht, dort zu leben. Ein Umzug ist in den letzten Jahren hauptsächlich an praktischen oder organisatorischen Dingen gescheitert. Anfang 2020 wollten wir unser „Projekt Frankreich“ noch einmal in Angriff nehmen und, zumindest für eine gewisse Zeit, nach Frankreich ziehen. Aber dann kam Corona dazwischen und die Pläne mussten wieder auf Eis gelegt werden.

Heute erscheint Stories Of Friendship, die CD, die seinen Namen trägt. Ein reines „Bassisten-Album“ sollte es für Hervé Jeanne nicht werden; auch kompositorisch wurden die Kollegen mit einbezogen. Nur vier der Kompositionen sind von ihm. “Ich hab’ klare Vorstellungen von meiner Musik”, sagt Jeanne, “aber mein Ziel war es, sich mittels der Musik zu unterhalten, nicht, einen Monolog zu führen.

Mein Ziel war es, sich mittels der Musik zu unterhalten, nicht, einen Monolog zu führen.

Hervé Jeanne über “Stories of Friendship”

Genau darin liegt der besondere Reiz dieser Freundschaftsgeschichten: Vier Freunde kommen zum musikalischen Gedankenaustausch zusammen und laden die Zuhörer ein, an ihren Ideen, Erinnerungen, Phantasien und Visionen teilzuhaben. 

Sind Sie denn mit dem Endergebnis zufrieden? Oder, anders gefragt, was macht für Sie ein gutes Jazz-Album aus?

Jeanne: Ich habe im Auto einen CD-Player. Und ich höre beim Fahren abwechselnd ungefähr fünfzehn meiner Lieblingsalben. Die sind total unterschiedlich, aber sie berühren mich alle, jedes auf seine eigene Art. Stories of Friendship ist natürlich auch dabei. Und beim Hören hab’ ich ehrlich gesagt immer nur einen Gedanken: Ja. Schön.

Hervé Jeanne vor dem Restaurant Ambiente in Gehrden
Freundschaftsgeschichten: Hier werden sie Premiere haben. Im südfranzösischen Teil von Gehrden.

Stories of Friendship: Ein ziemlich persönlicher Eindruck

“Arusha Ng’iresi” von Eike Wulfmeier, das erste Stück, beginnt zurückhaltend. Die Singlenotes vereinen sich schnell zu einem eingängigen Thema. Die Musiker spielen verhalten, sehr homogen. Darauf folgt “Autumn Of 54”: Das Saxofon von Witte dominiert — auf eine zarte Art. (Geht das überhaupt?) Während ich das überlege, perlt mir das Klavier von Wulfmeier dazwischen. Man kennt es: Wenn Jazz-Instrumentalisten zu einem Solo ansetzen, kann man in Ruhe auf die Toilette gehen. Und einen Friseurtermin machen und wahrnehmen. Wenn man zurück kommt, hat man meistens nichts verpasst. Anders in diesem Stück: Wulfmeier und Witte sind im Dialog, nehmen gegenseitig die Phrase des anderen auf und spinnen sie weiter. Ein Adjektiv, das mir dazu einfällt, ist “zärtlich.”

“Brady Blues” ist ein Jeanne-Stück voller Sehnsucht. Saxophon und Klavier haben die Melodieführung; der Bass im Hintergrund erzeugt Wärme und gibt immer dann einen kleinen, frechen Kommentar ab, wenn die anderen kurz innehalten. Jeanne sagt mit den kurzen Tönen: “Hallo, ich bin auch da.” Dann hat er sein Solo: Und sein Bass erwacht und wird zum bedächtigen Geschichtenerzähler. Es folgt das Titelstück “Friendship”. Spätestens hier habe ich den gemeinsamen Klang des Ensembles verinnerlicht. Soll heißen, ich würde die vier unter anderen Bands heraushören können: Und das ist sehr selten geworden im Zeitalter der musikalischen Konformität. Wenn jemand wetten möchte …

In “Light Of Insight” führt Wulfmeiers Geplätscher zu Anfang in die Irre: Saxophon und Schlagzeug machen das Lied schnell zu einer Hymne. Streng und homogen im Dreivierteltakt kommt “Sliding Down” daher. Ich ertappe mich beim Mitnicken.

“Vitamins” verschreiben die vier Jazzer ihren Zuhörern im nächsten Stück. Auch das ist ein Dreivierteltakt, aber es wirkt völlig anders als der Vorgänger. Jeanne hat viel Platz, um Bassnoten in den Himmel zu malen. Und mit “Zeitlupe” macht sich in recht flotter Zeitlupe so etwas wie Wehmut breit: Wehmut, dass es vorbei ist, dass Frankreich so weit entfernt ist und dass der Himmel nur 1900 Kilometer weiter östlich nicht so blau ist.

“Inspired By The Birds” — Lou Reed lässt grüßen, wenn Jeanne so gut wie alleine anfängt, eine Melodie zu entwickeln, die Witte weiterspinnt. Im Reedschen Song, an den mich das Intro erinnert, “Walk on the wild side”, spielt Ronnie Ross das Saxophon — und der hat das Spiel seinerzeit David Bowie beigebracht. Jetzt könnte Ross von Witte so dies und das lernen — aber ich schweife ab. Überraschung. Und Überraschung zwei: Das Lied ist in der Tat: einfach nur schön.


INFO: Am Sonntag, 1. Mai, wird Jeanne mit Hans Malte Witte (Saxophon), Eike Wulfmeier (Piano) und Schlagzeuger Stephan Emig auf der Terrasse des Restaurants Ambiente, Gehrden, Bünteweg 7c, ab 15.30 Uhr ihr Album Stories Of Friendship vorstellen. Der Eintritt ist frei.

Stories of friendship: Hervé Jeanne und seine Mitstreiter